Reisebericht Juni 2000
von Stefanie Christmann
Im Juni 2000 war die Vorsitzende der Esel-Initiative, Stefanie Christmann, dreieinhalb
Wochen in Eritrea. Sie hat in verschiedenen Regionen Frauen, die einen Esel erhalten haben,
zu Hause besucht und mit Mitarbeiterinnen der eritreischen Frauenunion (NUEW)
die vergangene und die weitere Projektarbeit besprochen. Sie ist außerdem in
verschiedene Flüchtlingslager gefahren. Die Reise wurde privat finanziert.
Hier ist ein erster Bericht:
"Egal, wie die Lage zu Hause ist, ich bin nicht mehr arm," sagt Tsega Mekonnen aus
Barentu - mitten im Flüchtlingslager Hamelmalo. "Letebrehan ist zurückgefahren, um
zu gucken, ob uns noch etwas geblieben ist: das Haus, Geld, der Esel, Ware.
Aber auch wenn die Äthiopier uns alles weggenommen haben: Arm bin ich nicht mehr."
30.000 Flüchtlinge aus dem westlichen Tiefland leben hier in Hamelmalo in Zelten. Dazwischen
die strahlende Tsega, die bei meinem Besuch 1998 so asthmakrank, hohlwangig und
abgemagert war, daß ich fürchtete, sie würde nur noch ein halbes Jahr leben.
Schule abgeschlossen
1996 hatte die Mutter von drei Kindern einen Esel bekommen, damit die älteste Tochter,
Letebrehan, die Schule beenden konnte. Die hatte zuvor mit diversen Arbeiten versucht,
die Familie zu ernähren. 1998 verkaufte Tsega mit dem Esel so viel Wasser, daß es
zum Leben gerade reichte, Letebrehan ging zur Schule.
Heute wiegt Tsega fünf bis sieben Kilo mehr, hat mehrere Goldringe im Ohr und
erzählt stolz ihre Geschichte der vergangenen zwei Jahre: "Nachdem Letebrehan die
Schule beendet hatte, übernahm sie den Wasserhandel, aber den ganzen Tag."
"Sie verdiente so viel, daß ich jede Woche ins Krankenhaus zur Untersuchung gehen
und Medizin kaufen konnte. Bis heute mache ich das. Wir hatten genug zu essen und
haben auch noch gespart. Mit diesem Geld und dem Esel ist Letebrehan dann in die Dörfer
geritten, hat Gemüse und später auch Ziegen von den Bauern gekauft. Das hat sie in
Barentu verkauft, erst neben dem Markt, dann hatte sie selbst einen eigenen Stand."
Ein eigener Marktstand
"Letebrehan hat so viel Geld verdient, daß sie auch noch einen Lebensmittelladen
aufgemacht hat. Jetzt verkaufe ich auf dem Marktstand! Stell dir das vor! Wir haben
vor ein paar Jahren noch gehungert, ich habe kaum Luft bekommen. Und jetzt habe ich
einen Marktstand!"
"Selbst wenn die Äthiopier uns alles weggenommen haben, Letebrehan
und ich sind jetzt Geschäftsfrauen. Wir können Geld verdienen. Den Neuanfang
schaffen wir, alleine."
Die Frauenunion hat ein Kreditprogramm für Frauen, aber noch 1998
hätte Tsega nie einen Kredit genommen, weil sie so krank und arm war, daß sie nicht
das geringste Risiko für sich und die drei Kinder eingehen konnte.
Neues Haus gebaut
Auch Tewere Abraha, eine jetzt 25jährige Mutter von zwei Kindern, die ich 1998
schon getroffen habe, findet nicht mehr, daß sie arm sei. Sie hatte sich,
nachdem sie einige Zeit mit dem Esel als Wasserverkäuferin gearbeitet hatte,
einen zweirädrigen Karren auf Kredit gekauft, und war schon 1997 die einzige
Frau, die mit einem Fuhrwerk Transporte zum Markt in Barentu machte.
"Damals lebte ich doch noch in der alten Hütte. Aber ich habe mit dem Esel und dem
Karren 30 bis 50 Nakfa am Tag verdient und mir ein neues Haus gebaut. Ich war
schon gucken, es steht noch. Den Esel und den Wagen haben die Äthiopier mitgenommen.
Aber ich schaffe das wieder," sagt Tewere ganz selbstbewußt mitten im Flüchtlingslager
und während des Krieges. Da kommt Hargum Cocowe ins Zelt gestürmt und will mich
zur eritreischen Kaffeezeremonie einladen.
45 Grad im nicht vorhandenen Schatten
Zu Fuß gehen wir zu ihr, durch hügeliges Gelände voller Zelte, auf den hüfthohen
Akazien trocknet Wäsche, Frauen backen draußen Teigfladen. Könnten wir im Schatten
gehen, wären es nur 45 Grad.
Auf dem Weg erzählt mir Hargum pantomimisch, wie
sie es vor drei Wochen geschafft hat, alle ihre neun Kinder (das älteste ist 16)
bei den Luftangriffen mitzunehmen und mit ihnen zu Fuß bis nach Agordat zu laufen (70 km).
Sie zeigt auf die Sonne und ich sehe die Kinder auf ihren Schultern und an ihren
Beinen geradezu vor mir.
In Agordat habe ein Auto sie mitgenommen und ins Camp gebracht.
Sobald die Äthiopier ihren Ort verlassen hatten, ließ sie die Kinder unter der
Obhut der ältesten Tochter im Lager und ging ihren Esel suchen. Sie fand ihn!
Brachte ihn zu Bekannten und kam glücklich zurück.
1998 hatte sie sehr leise
und zaghaft gesagt, sie bräuchte den Esel, um alle ihre neun Kinder jeden Tag
waschen zu können. Anfang Mai 2000 war sie voller Selbstbewußtsein.
Selbstständigkeit statt Passivität
Der Krieg hat Eritrea finanziell ausgelaugt, es fehlt jetzt selbst an Devisen
für Getreideimporte. Die internationale Nothilfe hat begonnen. Der Besitz
der Menschen in den vom Krieg betroffenen Gebieten ist entweder zerstört
oder teilweise geraubt bzw. aufgegessen.
Viele Mädchen verlassen die
Schule, verkaufen stattdessen den ganzen Tag kleine Kuchen oder Erdnüsse,
um ein bißchen zum Überleben der Familie beizutragen. Die Zahl der Armen
hat enorm zugenommen und die Lage insbesondere der durch den Krieg grösser
gewordenen Zahl von alleinerziehenden Frauen ist noch prekärer als vor zwei Jahren.
Nahrungsmittelhilfe bedeutet für die Menschen Abhängigkeit und
Passivität. Umso wichtiger ist es, daß sie bald eine Starthilfe bekommen,
die es ihnen ermöglicht, ihren Lebensunterhalt ganz oder teilweise selbst zu
verdienen.
Ideale Starthilfe
Etliche Frauen, die 1996/97 in Gash-Barka einen Esel erhielten,
nutzten ihn 1999, um mit ihren Kindern vor der äthiopischen Offensive zu fliehen -
und dann in den temporären Flüchtlingslagern, um mit Wasserverkauf und
Transporten Geld zu verdienen.
Bei den Luftangriffen im Mai 2000 war es
allerdings nicht möglich, die Esel bei der Flucht mitzunehmen: Jeder,
der laufen konnte, mußte von dem Fleck, an dem er sich gerade befand, wegrennen.
Sowohl für die alleinerziehenden Frauen, die zurück in ihre Dörfer gehen
können, als auch für diejenigen, die noch ein oder zwei Jahre in den Lagern
bleiben müssen, ist ein Esel eine ideale Starthilfe, um Herrin der Situation
zu werden. Statt von ihr beherrscht zu werden.
Die Frauen, die es alleine
geschafft haben, mit ihren Kindern zu flüchten, sind jetzt sehr stolz auf
ihre Leistung. Sie trauen sich etwas zu. An dieses Selbstbewußtsein und an
diesen Schwung, den sie jetzt haben, gilt es jetzt anzuknüpfen.
Nächste Eselvergabe soll bald beginnen
In Gash-Barka hat die Leitung des Provinzbüros der Frauenunion gewechselt: Murtia
Abdel Kader ist die Nachfolgerin von Lea Bereketab. Noch ist sie selbst vertrieben,
aber die ersten Rückkehrer haben sich schon auf den Weg gemacht - nach Barentu
und in andere Orte im nördlichen Teil der Provinz. Sobald als möglich will
Murtia Abdel Kader mit der Auswahl von Frauen für die Eselvergabe beginnen.
Die Frauenunion hat während des Krieges begonnen, u.a. im nördlichen
Sahel Esel zu vergeben. Viele Eritreer, die während des Unabhängigkeitskrieges
nach Norden in den Sudan geflüchtet waren, bleiben bei ihrer spontanen
Rückkehr irgendwo dort in den Bergdörfern.
Unter ihnen sind sehr viele
alleinerziehende Mütter, die in ihrem Herkunftsort aber auch keine
Familienangehörigen mehr vorfinden. Die Armut dieser Frauen ist noch sehr
viel krasser und existentiell-bedrohender als die Armut in anderen Regionen,
deshalb soll die Eselvergabe hier fortgesetzt werden, obwohl die
Menschen hier nicht unmittelbar vom Krieg betroffen sind.
Wochenlang mit zwei Kindern unterwegs
Eine dieser Frauen ist die 35jährige Fatma Hamad Ali, Mutter von vier Kindern.
Sie brach gemeinsam mit ihrem Mann im Sudan auf, aber als sie in Afabet ankamen,
starb er (1994). Also baute sie selbst eine am höchsten Punkt 1,50 Meter hohe,
igluförmige Hütte mit selbstgeflochteten Bastmatten als Wänden und Decke.
Um Arbeit zu finden, war sie oft wochenlang unterwegs. Die beiden ältesten
Kinder ließ sie in dem Unterstand, die zwei kleinen nahm sie mit. Außer
einer Kochstelle aus drei Steinen, einem Mahlstein für Getreide, einem
Wasserkessel und einem selbstgebauten Bett gibt es nichts in dem löchrigen
Unterschlupf.
Die Kinder sollen lernen
Als Fatma, die sehr erschöpft ist, vergangenes Jahr einen Esel
bekam, meldete sie ihre beiden Ältesten, Tochter (13) und Sohn (11), zur
Schule an. Sie ist sehr stolz darauf, daß sie ihnen das Lernen ermöglichen
kann. Fatma ist Analphabetin.
Sie lebt jetzt das ganze Jahr in Afabet mit ihren
Kindern und verdient Geld mit Wasserhandel. Ihr Esel war tragend, hatte
aber eine Fehlgeburt. "Dann muß ich eben länger warten auf eine bessere Hütte",
sagt sie. Sie will nicht, daß ihr die beiden älteren Kinder helfen, Wasser
zu holen und zu verkaufen. "Sie sollen lernen."
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